Eine Parabel über Hochsensibilität

Für das logo der „hsp academy“ habe ich den Schmetterling gewählt, weil er wie kein anderes Tier für Hochsensibilität steht. Seine zarten, zerbrechlichen Flügel, seine Leichtigkeit, die Schönheit, Verspieltheit sind wunderschöne Attribute, die uns Hochsensible auszeichnen. Doch bevor wir unsere Flügel und unser Potential entfalten, machen wir eine Phase durch, in der wir uns klein und wertlos fühlen. In dieser Geschichte, die ich schon vor vielen Jahren geschrieben habe, wird der Schmetterling als Symbol für unseren inneren Wandlungsprozess gezeigt. Die Natur bietet uns einen Spiegel. Das Märchen ist auch gut geeignet, um es Kindern vorzulesen.

Wolkentänzer

An einem sonnigen Samstagnachmittag schlüpfte auf einer Wiese aus einem winzigen Ei eine ebenso winzige Raupe. Rudi war so winzig, dass ihn selbst Vögel nicht sehen konnten. Seine Farbe war dunkelgrün und so war er bestens auf der Pflanze getarnt.

Rudi öffnete seine Augen, die noch ganz verklebt waren und schaute sich in der Welt um. Riesige Blumenstengel, Blätter und Blüten konnte er sehen. Der Wind wiegte die Gräser sanft hin und her, die Sonne wärmte die Pflanzen und Tiere auf der Sommerwiese. Alles leuchtete in bunten Farben, in grün, hellgrün, dunkelgrün, gelb, rosa, violett. Die Vögel sangen und alles duftete nach frischem Gras und die Blüten verströmten einen wunderbaren süßen Duft.

Rudi hatte schon nach kurzer Zeit Hunger. Vielleicht sollte er mal die Blätter probieren, auf denen er herum kroch. „Hm… das schmeckt mir aber gut!“ freute er sich und fraß so viel, wie er konnte. Die Welt war groß für ihn und aufregend. Er war sehr klein. Und so flog sein erster Tag auf der Erde dahin wie der Wirbelwind. Es kam die Nacht und es wurde dunkler und kühler. Als die ersten Sterne am Nachthimmel funkelten, staunte Rudi über die unendliche Schönheit der Welt und schlief eingerollt unter einem Blatt ein. Er schnarchte ganz schön laut, obwohl er so klein war.

Am nächsten Morgen hatte er wieder großen Hunger und fraß genüsslich zum Frühstück ein weiteres Blatt seiner Pflanze. „Guten Morgen, schöne Welt! Was kann ich denn heute erleben?“ rief er auf die Wiese hinaus. Da kam ein Grashüpfer vorbei. „Guten Morgen, kleine Raupe! Du bist ja ganz dunkelgrün. Schau mal, wie schön hellgrün ich bin. Ich kann hüpfen und fliegen. Ich sage dir, die Welt ist noch viel größer, als du gesehen hast, noch größer, als du dir vorstellen kannst. Aber du kannst ja nur kriechen. Ich erzähle dir mal, was es alles auf der Wiese noch so gibt!“
„Au ja!“ freute sich die kleine Raupe. „Erzähl mir noch mehr von der Welt. Ich will alles wissen!“ Da hatte Rudi doch den Richtigen getroffen. Der Grashüpfer Freddi erzählte ihm alles über die schönsten Blumen, über Schnecken, über Spinnen, über Grashüpfer natürlich, über Frösche und Vögel. „Pass bloß auf, wenn du einen Vogel siehst. Die fressen unsereins gern. Du darfst dich dann nicht bewegen.“ „Wirklich?“ fragte Rudi. „Ja, ich mache keinen Spaß. Ich habe es schon mit meinen eigenen Augen gesehen.“
„Danke für die Warnung, lieber Freddi.“ Nach einer kleinen Weile verabschiedete sich der Grashüpfer und hüpfte davon.

Rudi blieb auf seinem kleinen Blatt kleben und träumte von der großen Welt. „Wie schade“, dachte er sich „dass ich nur krauchen kann!“ Er fraß den ganzen Tag seine grünen Blätter und bemerkte plötzlich, dass die Pflanze, auf der er gelebt hatte, gar keine Blätter mehr hatte, die er auffressen konnte. Irgendwie war er auch dicker geworden und gewachsen. Mit all seiner Kraft kroch er den Stil entlang zum Erdboden. Dort angekommen machte er Bekanntschaft mit anderen Bewohnern der Wiese: mit Ameisen. Flink und geschwind liefen sie auf dem Boden und waren fleißig beim Sammeln von Nahrung. Die Ameisen hatten alle keine Zeit, um mit Rudi zu sprechen.

Rudi kroch an einer kleinen Pfütze vorbei und konnte sich dabei sein Spiegelbild im Wasser ansehen. „Wie sehe ich nur aus? Die anderen Tiere sind alle so schön, aber ich bin nur klein, dick und rund! Und langsam bin ich auch!“ Da wurde Rudi ganz traurig und eine dicke Träne rann an seiner Wange herab. Die erste Träne im Leben eines Wesens hat eine tiefe magische Bedeutung. Rudi dachte in diesem Moment an das Fliegen und wie sehr er sich danach sehnte, über die Wiesen zu segeln, so wie es Freddi, der Grashüpfer beschrieben hatte. Rudi kroch an einer frischen Pflanze hoch, die viele neue Blätter für ihn bereithielt. Da kam auch schon der Abend wieder. Wunderschöne Sterne leuchteten am Nachhimmel und flüsterten der kleinen Raupe Mut zu.

Schlaf, kleine Raupe, schlaf

Die Welt dreht sich

die Sonne geht auf, die Sonne geht unter.

Auf den Frühling folgt der Sommer, der Herbst und der Winter.

Schlaf kleine Raupe, schlaf.

Wir hüten Deinen Traum.

Beruhigt schlief Rudi wieder eingerollt unter einem Blatt ein. In dieser Nacht träumte er seinen ersten Traum. Er träumte vom Fliegen und von vielen bunten Farben. Er konnte die Welt von oben sehen und der Wind trug ihn weit über die Wiese hinaus. Er sah die vielen Blumen und Gräser, die Wolken, den Himmel, die Bäume  das Leben war ein Fest der Freude und Leichtigkeit.

Am nächsten Morgen wachte er auf und fand sich wieder in seinem trägen kleinen Raupenkörper. Der Hunger wurde immer stärker, und Rudi fraß wie ein Weltmeister. Er bemerkte, dass er immer dicker wurde und immer größer. „Ich wachse, ich wachse!“ Die kleine Raupe freute sich. „Ich möchte so gerne fliegen können!“ sagte er zu sich selbst. Er beobachtete weiterhin die anderen Tiere auf der Wiese. An diesem Tag lernte er auch seinen ersten wahren Freund kennen. Er hieß Anton und war auch eine kleine Raupe. Sie hatte allerdings eine ganz andere Färbung, fraß aber auch gern dieselben Blätter, wie Rudi. Beide hatten es sich auf einer großen Brennesselpflanze häuslich eingerichtet.

Eines Tages kam eine Libelle zu ihm geflogen und setzte sich mit auf seine Pflanze.
„Guten Tag, ich heiße Isabella. Wie heißt du?“
„Ich heiße Rudi. Schau mal, wie dick ich bin. Meinst du, ich könnte eines Tages so fliegen, wie du?“
Da musste die Libelle sehr lachen. „Ha, ha, ha, hihihi, huhuhu, heijeijeijei. Große Raupe, da musst du aber ganz leicht und grazil sein, wenn du fliegen willst. Und Flügel brauchst du auch. Ich kann nicht sehen, dass du auch nur im Ansatz so bist, wie ich. Also, ich glaube, dass du niemals fliegen wirst. Aber schau mal. Jedes Tier lebt an seinem Platz, so wie die Natur es vorgesehen hat. Wenn du also eine Raupe bist, dann erfreue dich deines Lebens und fresse, so viel, wie du Lust hast. Ich muss wieder weiter fliegen. Ich habe auch Hunger.“

Wieder vergingen Tage um Tage und Rudi konnte förmlich zusehen, wie er größer wurde. Erneut begegnete er einem Tier. Diesmal war es ein Laubfrosch. Der Laubfrosch war ganz hellgrün. Er hüpfte, um sich fortzubewegen.
„Guten Tag, lieber Frosch, wie heißt du?“
„Hallo Raupe, ich heiße Markus!“
„Du kannst ja so schön hüpfen. Wie machst du das denn?“ fragte Rudi.
„Dafür brauchst du ganz kräftige Beine und Muskeln. Es macht mir große Freude, auf der Erde zu hüpfen.“
„Weißt du Markus, ich möchte eigentlich fliegen können! Kennst du ein Tier, das, wie ich, nicht zufrieden ist mit sich selbst?“
„Nein!“ grübelte der Frosch. „aber vielleicht kann dir ja die Zauberfee Irisiana weiterhelfen!“
„Was ist eine Fee?“ Rudi hörte zum ersten Mal davon, dass es so etwas wie Feen geben soll.
„Oh!“ sagte der Frosch „sie sind die schönsten Wesen, die du dir vorstellen kannst. Sie haben Flügel, wie Libellen oder wie Schmetterlinge, sehen aber aus wie Menschen und tragen wundervolle Kleider. Sie singen und tanzen sehr gern. Sie sind sehr verspielt und können zaubern. Alle Menschen, die einen Herzenswunsch haben, können die Feen bitten, ihnen zu helfen, diesen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Du bist zwar eine kleine Raupe, aber du kannst sicher auch einen Wunsch bei der Fee abgeben. Vielleicht kann sie dir helfen, dass er in Erfüllung geht.“

„Wie kann ich eine Fee treffen?“
„Das ist sehr schwierig“ sagte der Frosch Markus. „Sie sind ja immer unterwegs. Aber vielleicht landet die Fee ja bei dir, wenn du ein schönes Lied singen kannst.“
„Ich kann nicht singen!“ jammerte Rudi.
„Nun gut, ich werde der Fee Irisiana von dir erzählen, wenn ich sie treffe und sie dann zu dir schicken. Das ist abgemacht.“
„Abgemacht!“ rief Rudi dem Frosch zu. „Ich freue mich, dass du mir helfen willst.“

Über eine Woche verging. Und von der Fee war nichts zu sehen oder zu hören. Rudi hatte sich in der Zwischenzeit noch zwei Mal gehäutet und war dabei immer ein Stück größer geworden. In den Nächten wiegte ihn der Wind immer sanft hin und her. Die Sterne sangen jede Nacht ihr kleines Lied für die Raupe.

Schlaf, kleine Raupe, schlaf
Die Welt dreht sich
die Sonne geht auf, die Sonne geht unter.
Auf den Frühling folgt der Sommer, der Herbst und der Winter.
Schlaf kleine Raupe, schlaf.
Wir hüten Deinen Traum.
Als Rudi an diesem Morgen aufwachte, hatte er plötzlich keinen Hunger mehr. Er wusste, dass er auf keinen Fall noch mehr wachsen könnte. Also kroch er auf die höchste Stelle der Pflanze und legte sich gemütlich auf die Blüte. Von hier aus hatte er den besten Überblick auf die Wiese.

Von weitem sah er etwas Wunderschönes auf ihn zufliegen kommen. Es war natürlich die Zauberfee Irisiana. Sie leuchtete in wunderschönen Farben und hatte tatsächlich Flügel, wie eine Libelle. Sie kam immer näher und landete schließlich neben Rudi.
„Ich grüße dich, kleine Raupe. Ich habe gehört, dass du fliegen willst. Das ist ja ein schöner Wunsch.“
„Hallo Irisiana, ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr. Ja, ich möchte so gerne fliegen können. Und ich möchte leicht und schön sein. Ich möchte auch ganz bunt sein. Findest du das in Ordnung? Die anderen Tiere haben gesagt, ich soll mich damit abfinden, daß ich nur krauchen kann!“

„Du darfst dir alles wünschen, was du willst! Was die anderen Tiere sagen, ist nicht wichtig. Denn sie können immer nur sich selbst und ihre Art verstehen. Sie wissen nicht, wie es ist, sich die ganze Zeit zu wünschen, dass man fliegen kann. Schau her, ich habe diesen Zauberstab und damit kann ich dir helfen.“
„Wie schööööön!“ Rudi war ganz außer sich vor Freude, er hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht, wenn er es gekonnt hätte.
„Rudi, du baust dir jetzt ein ganz kleines Haus, in das du dich einspinnst. Weißt du, du hast, wie eine Spinne, einen ganz langen Faden bei dir, den du um dich selbst spinnen kannst. Damit machst du dir ein ganz kleines Haus. Suche dir einen geschützten Ort aus, wo du nicht gestört werden kannst. Und das aller wichtigste ist, dass du, während du dort drin bist, dir ganz genau vorstellst, wie du fliegen kannst, wie du aussiehst und welche Farbe deine Flügel haben werden.“
„Ich werde auch Flügel haben?“ Rudi freute sich riesig und hatte eine kleine Freudenträne in den Augen.
„Ja, du wirst auch Flügel haben. Aber sie werden anders aussehen, als meine Flügel.“

Während Rudi sich in sein kleines Haus einspann, wirbelte die kleine Zauberfee ihren Zauberstab in der Luft herum und sprach einen Zauberspruch.

Schlaf, kleine Raupe, schlaf
Die Welt dreht sich
die Sonne geht auf, die Sonne geht unter.
Auf den Frühling folgt der Sommer, der Herbst und der Winter.
Schlaf kleine Raupe, schlaf.
Träume deinen Traum vom Fliegen.
Sieh die Welt unter dir vorbei fliegen.
Sieh deine Flügel und glaube daran.
Ich werde auf dich warten, bis du wieder erwachst.

Als Rudi sich vollkommen eingesponnen hatte, wurde er ganz müde und schlief gleich ein. Er fiel in einen tiefen Traum und mit aller Vorstellungskraft träumte er davon, dass er fliegen kann.

Es vergingen Monate mit Regen, Wind und Sonnenschein, Rudi wusste eigentlich gar nicht mehr, wieviel Zeit vergangen war: Wochen, Monate, ein Jahr? Und die Zauberfee Irisiana dachte immer mal wieder an die kleine Raupe. Doch dann regte sich etwas unter der Oberfläche des Kokons. Es wurde immer unruhiger und zappeliger in dem kleinen Häuschen. Inzwischen waren die kleine Libelle, der Grashüpfer und der Frosch zurückgekehrt, denn es hatte sich herumgesprochen, dass die Zauberfee Rudi bei seinem Traum helfen wollte.

Plötzlich öffnete sich ein kleiner Deckel und aus dem Kokon schlüpfte ein wunderschönes Wesen, das ganz anders aussah als die Raupe. Es hatte einen schlanken dunkelbraunen Körper, ganz schlanke Beinchen und das aller schönste waren seine roten bunt gefleckten Flügel. Es kroch aus dem Haus und lief hinauf zur Blüte. „Ich fühle mich so frei und leicht!“ „Wie schön du bist, wie schön bunt deine Flügel leuchten!“ riefen die anderen Tiere ihm entgegen.

Die Zauberfee aber sagte: „Dein Name soll ab jetzt Wolkentänzer sein. Du bist jetzt ein Schmetterling. Dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Deine Schönheit und Anmut überstrahlen alles. Fliege hinaus in die Welt und erkunde ihre Schönheit. Du selbst bist ab jetzt eine eigene Schönheit, die Freude und Lebendigkeit verbreiten wird.“

Wolkentänzer lächelte und war glücklich, sein neues Leben zu beginnen. Er streckte seine Flügel der Sonne entgegen und flog jetzt mit der Libelle und der Fee über die Wiese. Sie spielten und tanzten gemeinsam und freuten sich des Lebens.

Sylvia Harke

Sylvia Harke

Sylvia Harke

Hallo, Du liest hier meinen Blog zum Thema Hochsensibilität. Ich bin Buchautorin, selbst hochsensibel, Coach und Dipl.-Psychologin. Ich arbeite freiberuflich als Seelen-Dolmetscherin und Schriftstellerin. Mit einer selbständigen Tätigkeit verwirkliche ich meinen Traum von einem selbstbestimmten, kreativen Leben. Ich schreibe über Hochsensibilität, Sensitivität, Erfolg, Beziehungen, Talententwicklung, Kreativität, Selbstverwirklichung und Psychologie.

Hier erfährst Du mehr über mich und meinen persönlichen Weg.

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Nachweis Beitragsbild: Shutterstock: 74858809 @ Sari ONeal, Fotos im Text von Sylvia Harke