Interview mit David Mitzkat, Blogger und Psychologie-Student

 

F: Lieber David, stelle Dich bitte kurz unseren Lesern vor. Wer bist Du? Was machst Du beruflich?

A: Danke erst einmal für die Einladung zum Interview. Mein Name ist David Mitzkat, ich bin 34 Jahre alt und wohne in Hannover, wie ich immer wieder gerne sage, der Hochburg des Hochdeutschen. Einige kennen mich vielleicht von Facebook oder meinem Blog HSPDeutschland.com, aber eigentlich studiere ich Psychologie an der Fernuniversität in Hagen und jobbe nebenbei in einem Rechenzentrum. Die Odyssee, wie ich aber zu genau diesen Tätigkeiten gekommen bin, würde jedoch – High Sensation Seeker-typisch, schätze ich – alleine einen ganzen Artikel füllen.

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F: Würdest Du Dich selbst als hochsensibel bezeichnen? Hältst Du diesen Begriff für geeignet oder hast Du dafür ein anderes Wort, das Du magst?

A: Ich bin da ein wenig ambivalent, weil ich auf der einen Seite Diagnostik sehr wertschätze, auf der anderen Seite aber nicht aus einer Diagnose eine Identität ableiten würde, welche mich total definiert. Ich würde es also so formulieren, dass ich die mit Hochsensibilität assoziierten Kriterien erfülle (insbesondere den Part mit dem guten Ansprechen auf Koffein, wie ich vermerken möchte).
Ich bin ein echter Befürworter des Begriffs Sensory Processing Sensitivity, weil dieser einfach griffig beschreibt, worum es eigentlich geht, und auch sehr froh darüber, dass „Hochsensitivität“ sich im deutschsprachigen Raum etwas durchsetzt.

 

F: Welche Motivation spornt Dich an, Psychologie zu studieren? Hast Du bei Deinem Studium irgendetwas über Hochsensibilität von der Universität erfahren?

A: Ursprünglich hat mich tatsächlich eine gewisse Grimmigkeit angetrieben Psychologie zu studieren, um zu erfahren, wie das Fach und seine Lehrinhalte denn nun wirklich beschaffen sind. Ich hatte zuvor zwar bereits psychologische Sach- und Fachliteratur gelesen, im Besonderen von Maslow und Kernberg, doch bin ich dem Fach selber gegenüber jahrelang sehr misstrauisch gewesen, weil es aus meiner Sicht damals so frech war, weder richtig in den Natur- noch Geistes- und Sozialwissenschaft zuhause zu sein. Heutzutage sehe ich die einzigartige Perspektive, mit welcher man in der Psychologie auf menschliches Erleben und Verhalten sieht, als ihre größte Stärke an und studiere aus lauter Liebe zum Fach selbst.

Leider war Hochsensibilität bei mir an der Uni kein Thema. In der Praxis, in welcher ich mein Pflichtpraktikum jedoch absolviert habe, hatten einige der Therapeuten aber zumindest schon mal davon gehört, oder waren interessiert.

 

F: In Deinen Blogbeiträgen zitierst Du gern Studien aus den USA. Wie kommst Du an diese Informationen heran? Gibt es eine englische Webseite zur Hochsensibilität, die Du regelmäßig liest und uns empfehlen kannst?

A: Ohne die Möglichkeiten, welche Google Scholar bietet, wäre meine Seite wahrscheinlich nur halb so gut gefüllt. Der größte Teil der Studien stammt von  Plattformen zur Veröffentlichung wie NCBI und Researchgate, wo es mindestens die Zusammenfassungen frei erhältlich gibt. Aber auch die Seite von Elaine N. Aron selbst und das Forschungsverzeichnis von Hochsensibel.org sind immer einen Blick wert.  Auch da einige der Studien wirklich elegant in der Art und Weise sind, wie die Theorien überprüft werden.

 

F: Wie erklärst Du Dir, dass sich vom Konzept der Hochsensibilität so viele Menschen angesprochen fühlen, die Diagnosen wie ADHS, Asperger Autismus usw. haben?

A: Wenn es um das Bedürfnis einer richtigen Balance zwischen Stimulation und Ruhe, Reizüberflutung, Empfindlichkeit der Sinne und Perfektionismus geht, überschneiden sich Asperger und Hochsensibilität auffällig.  Ebenso findet man bei beiden in der Jugend oftmals eine ADHS Diagnose (ich hatte übrigens auch eine). Doch richtig interessant ist, dass viele  Merkmale, Interessen und Neigungen, welche Fachautor Tony Attwood dem „weiblichen“ Bild des Asperger Autismus zuschreibt, sich auch beim hochsensiblen Temperament finden. Wie künstlerisches Interesse, ausgesprochene Phantasie, Nervosität und Tierliebe. Die Seite help4aspergers.com hat diese Merkmale einmal genauer aufgelistet und auch das Buch „Mädchen und Frauen mit Asperger“ von Dr. Christiane Preißmann fand ich sehr hilfreich.

ADHS, Asperger und HS haben an bestimmten Schnittpunkten sehr viel gemeinsam, was es umso wichtiger macht sauber zu  definieren und diagnostizieren. Ich habe die Befürchtung, dass gerade sehr viele Menschen mit ADHS und weiblichem Asperger eigentlich hochsensitiv sind. Insbesondere da das Temperament der Hochsensibilität erst jetzt richtig bekannt wird und Ärzte, Therapeuten wie Betroffene in der Vergangenheit kaum andere Möglichkeiten hatten, ihre Beobachtungen auf eine nicht pathologische Art zu erklären. Mit dem Bekannter-Werden der Hochsensibilität wird diese Möglichkeit nun vielen zuteil.

 

F: Wie kam es zu Deiner Entscheidung, einen Blog über Hochsensibilität ins Leben zu rufen?

A: Auf der einen Seite liebe ich es zu schreiben – was man eventuell an den sehr langen Ausführungen zu jeder Deiner Fragen sieht – auf der anderen Seite ist mir damals in den Facebook-Gruppen aufgefallen, dass bestimmte Fragestellungen immer wieder aufgetaucht sind. Zum Beispiel wurde jeden Monat mindestens einmal diskutiert, inwiefern sich introvertierte von extrovertierten HSP unterscheiden. Mein erster, aus heutiger Sicht kruder und nicht ganz so gut recherchierter Artikel war deswegen auch über Intro- und Extraversion bei HSP. Ich möchte all die Fragen klären, die sich immer wieder ergeben – für andere, aber auch für mich selbst.

 

F: Wie sieht Dein Berufsalltag aus?

A: Ich habe das große Glück meine Arbeitszeiten sehr frei einteilen zu können und so besteht mein Job überwiegend aus Nachtarbeit in einem ruhigen Rechenzentrum, in welchem ich auch oft meine Artikel schreibe. Dadurch kann ich tagsüber studieren, und halte meinen Biorhythmus mit Energy-Drinks, Sport und Achtsamkeitsübungen in Schach.

 

F: Wie gehst Du mit dem Thema Multitasking um?

A: Wenn ich nach Nietzsche gehen würde, wäre mein ständiges Multitasking wahrscheinlich eine Tugend, an welcher ich letzten Endes zugrunde gehen müsste.  Doch gleichzeitig bereitet es mir eben auch Freude beim Lesen oder Schreiben Musik zu hören, mir Debatten von Philosophen nebenbei anzuschauen oder ein Browsergame laufen zu haben. Selbst sehr spannende Themen ermüden, wenn man sich nur mit ihnen beschäftigt, und durch den steten Wechsel komme ich zwar fragmentiert und langsamer ans Ziel, aber dafür auch nicht völlig erschöpft. Das würde mir aber mit Termindruck bei weitem nicht so entspannt gelingen.

 

F: Möchtest Du selbst eine Forschungsarbeit zur Hochsensibilität im Rahmen Deines Studiums schreiben?

A: Würde ich sehr gerne, aber bei über 80.000 Studenten an der Fernuniversität in Hagen – natürlich nicht alles Psychologiestudenten – sind unsere Möglichkeiten, selber Inhalte unserer Arbeiten zu bestimmen, sehr begrenzt.

 

F: Welche technischen und persönlichen Herausforderungen hast Du als Blogger gemeistert?

A: Technisch ist WordPress ein recht intuitiv bedienbares Tool und ich finde die Artikelverwaltung auf Seiten der Anwender klasse. Doch die Benutzeroberfläche für Leser halbwegs übersichtlich zu gestalten war schon eine echte Herausforderung. Es ist leicht sich bei WordPress einzuarbeiten und einfach drauf los zu bloggen. Doch sobald sich die Seite füllt und / oder man besondere Ansprüche an die Benutzbarkeit für Leser stellt, kann die Bedienung für Autoren echt Zeit und Nerven kosten. Kaum etwas kann einen von WordPress so sehr abbringen wie WordPress selbst es versucht – und doch sind die Designs und frei gestaltbaren Menüs schon sehr gut gestaltet und modular.“

Meine persönliche Herausforderung ist jedes Mal aufs Neue mein Drahtseilakt zwischen Sachlichkeit, meinem eigenen kleinen Idiolekt, und einer gewissen Unterhaltsamkeit der Texte. Ich mag es nicht, so allgemein zu schreiben dass die Interpretation meiner Leser es schon richten wird, und doch wäre ein zu wissenschaftlicher Schreibstil mir zu bieder. Da spiegelt sich auch in der Wahl meiner Themen wider.

 

F: Möchtest Du unseren Lesern noch etwas mit auf dem Weg geben?

A: Ich rate immer wieder gerne dazu, sich auch oder gerade als HSP einmal mit Asperger Autismus und ADHS zu beschäftigen. An den Gemeinsamkeiten und Unterschieden kann sich das Verständnis für die eigene Disposition erheblich verbessern, weil man ein Bewusstsein dafür entwickelt, wo man als HSP im Kontext zu Menschen ohne dieses Temperament und jenen, mit denen man einige Gemeinsamkeiten teilt, verortet ist.

Sylvia Harke

Sylvia Harke

Hallo, Du liest hier meinen Blog zum Thema Hochsensibilität. Ich bin Buchautorin, selbst hochsensibel, Coach und Dipl.-Psychologin. Ich arbeite freiberuflich als Seelen-Dolmetscherin und Schriftstellerin. Mit einer selbständigen Tätigkeit verwirkliche ich meinen Traum von einem selbstbestimmten, kreativen Leben. Ich schreibe über Hochsensibilität, Sensitivität, Erfolg, Beziehungen, Talententwicklung, Kreativität, Selbstverwirklichung und Psychologie.

Hier erfährst Du mehr über mich und meinen persönlichen Weg.

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