Kreative neurodivergente High Achiever

 

Kreative neurodivergente High Achiever denken, fühlen und arbeiten anders. Sie werden oft vom Umfeld unterschätzt, doch nicht zuletzt von sich selbst in einem völlig falschen Licht gesehen. Dieser Artikel richtet sich an kreative Selbständige und Unternehmerinnen über 40, die leistungsfähig sind, Verantwortung tragen und viel aufgebaut haben und dennoch spüren, dass ihr aktuelles Arbeitsmodell zunehmend Energie kostet.

Es geht nicht um Burnout, Überforderung oder mangelnde Motivation. Sondern um Reibung, die entsteht, wenn hohe Kompetenz dauerhaft unterhalb der eigenen Identität und Überlegenheit eingesetzt wird.

Der Text beleuchtet, warum neurodivergente Creative High Achiever (ADHS-nah, hochbegabt, kreativ-hochsensibel) oft lange funktionieren und warum der innere Widerstand, der sich später zeigt, kein Defizit, sondern ein Hinweis auf Fehlpassung ist.

Wenn du dich fragst, warum dein Business „eigentlich läuft“, sich aber innerlich nicht mehr stimmig anfühlt, ist dieser Artikel für dich.

Sylvia Harke, kreative neurodivergente High Achieverin

Autorin Sylvia Harke

Ich bin von Beruf Psychologin und arbeite seit 2015 selbständig als Coach, Autorin und Semarleiterin für neurodivergente Menschen. 2025 werde ich meine Arbeit stark dem Thema der kreativen Hochbegabung widmen. Ich schreibe ich diesen Text aus eigener Erfahung, nachdem ich eine intensive, persönliche Wandlungsphase seit 2023 durchlaufen habe. In meinem Jahresrückblickartikel von 2025 gehe ich mehr auf diese Identitätswandlung ein.

Ich bin selbst eine kreative High Achieverin mit neurodivergenten, ADS nahen Anteilen, wie zum Beispiel Zeitblindheit, Buchstabenverwechslung, Hyperfokus, Empathie, Kreativität und Risikobereitschaft. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mir diese Selbstbeschreibung nicht gegeben. Meine doppelte Perspektive aus psychologischer Expertise und persönlicher Erfahrung gibt dem Artikel Tiefe und Praktikabilität, die weit über allgemeine psychologische Erklärungsmodelle hinausgeht.

Ich habe mich lange nicht als High Achieverin gesehen, denn der Begriff war für mich mit klassischen, leistungsorientierten  Berufsbildern verbunden, wie Manager, Politiker, Aktionäre, Spitzensportler, Banker, Forscher auf internationalem Niveau oder hochgebabten Erfindern. Ich war dagegen kreativ, verspielt, vielseitig, intuitiv, lange Zeit unterbezahlt in sozialen Jobs tätig, ganz weit unten auf der Karriereleiter. Meine Ziele waren früher eher idealistisch und auf der Gefühlsebene verankert. Doch der Wunsch nach Freiheit und Sebstbestimmung war seit meinem Psychologiestudium immer schon hoch. Ich habe mich nie als etwas Besonders gesehen, aber gespürt, dass ich anders bin. Bis heute fühle ich mich zuweilen noch immer, wie das letzte Einhorn in einem Land der Rationalität.

Heute weiß ich, dass genau diese von mir beschriebenen Klischees kreative High Achiever davon abhalten, sich selbst in ihrem wahren Potential zu erkennen. Lass Dir in diesem Artikel zeigen, was neurodivergente Menschen wissen müssen, wenn sie sich selbst und ihre kreativen Stärken besser verstehen wollen, um für sie passende Karrierewege gehen zu können.

Kreative High Achiever, neurodivergent, unerkannt

Kreative High Achiever under Cover

 

Kreative High Achiever sind nicht zwingend die extrovertierten Erfolgsmenschen auf der Überholspur. Häufig sind es Menschen, die früh gelernt haben, sich auf sich selbst zu verlassen, komplexe Zusammenhänge schnell zu erfassen und Verantwortung zu übernehmen, ohne viel Anleitung oder Absicherung. Sie verbinden Kreativität mit Umsetzung und Intuition mit Pragmatismus. Ihre Stärke liegt in der Begeisterungsfähigkeit. Dopamin wird durch Interesse augeschüttet, durch Begeisterung und Flow.

So habe ich mir beispielsweise alles selbst beigebracht, was ich für meine Videoproduktion auf Youbute brauche, wie zum Beispiel die Arbeit mit der Adobe Creative Suite.

Viele von den kreativen High Achievern haben neurodivergente Anteile. Neurodivergenz, Hochsensibilität, ADHS haben bisher eine besondere Schublade für Menschen geöffnet, die sich überfordert fühlten, wenig belastbar, mit Aufmerksamkeitsschwäche oder LRS kämpfend. Doch die Realität ist viel komplexer. Es wird Zeit, dass wir über diese Phänomene nicht mehr nur wie über Krankheiten sprechen. Sie bergen, neben den Herausforderungen, riesige berufliche Chancen.

Aufgrund meiner besonders guten Noten in der Schule und im Psychologiestudium habe ich mich nie als ADS-Betroffene gesehen, obwohl ich heutige einige Symptome klar erkenne. Mit meinem Abiturabschluss von 1,5 und auch im Studium mit einer 1 Komma Note war ich gedanklich ganz weit weg von ADS und den damit verbundenen Klischees einer Lernberhinderung oder den Aufmerksamkeitsproblemen, die ich aus meiner Studienzeit nicht kannte. Ganz im Gegenteil. Ich entwickelte auf Flipchartpapier große Übersichtstafeln zu den kompliziertesten Fächern in der Psychologie. Ich merkte mir alles visuell und schloss selbst im Fach Statistik mit einer sehr guten Note ab, obwohl mein kreatives Gehirn mit den abstrakten Zahlen überhaut nichts anfangen konnte.

Under Cover sind also nicht nur die Neurodivisität, sondern auch die Hochbegabung, die damit einehergehen kann. Das macht uns förmlich blind für unsere Gaben und blind für die beruflichen Sackgassen, die uns auslaugen, weil wir nicht die richtigen Entscheidungen treffen können.

Merkmale neurodivergenter High Achiever

Gaben und Merkmale von kreativen High Achievern

Hier findest Du eine kurze Übersicht, woran Du erkennen kannst, wie neurodivergente High Achiever denken, fühlen, entscheiden, sie sie arbeiten und was sie so besonders macht.

Denken & kognitive Verarbeitung

  • schnelles, assoziatives Denken statt linearer Schritt-für-Schritt-Logik
  • hohe Ideenvielfalt, starke gedankliche Verknüpfungen
  • frühe Mustererkennung und strategischer Überblick
  • Probleme werden intuitiv erfasst, noch bevor sie klar benannt sind
  • Selektion ist anspruchsvoller als Ideengenerierung

 

Aufmerksamkeit & Fokus

  • Aufmerksamkeit ist stark sinn- und kontextabhängig
  • tiefer Fokus (Hyperfokus), wenn Aufgabe stimmig ist
  • abrupter Energie- und Aufmerksamkeitsabfall bei Fehlpassung
  • geringe Wirksamkeit von reiner Disziplin ohne Sinnbezug
  • starke Abneigung gegen repetitive, inhaltlich leere Tätigkeiten

 

Leistung & Arbeitsweise

  • hohe Leistungsfähigkeit über lange Zeiträume
  • frühe Übernahme von Verantwortung
  • zuverlässige Umsetzung, auch ohne äußere Kontrolle
  • funktionales Arbeiten trotz innerer Reibung
  • Tendenz, unter dem eigenen Potenzial eingesetzt zu werden

 

Struktur & Systeme

  • geringe Passung mit starren, bürokratischen oder stark hierarchischen Systemen
  • ambivalente Beziehung zu Routinen: hilfreich, aber schnell einengend
  • Bedürfnis nach Autonomie in Zeit, Ablauf und Denkprozessen
  • Entwicklung eigener, oft unkonventioneller Arbeitsweisen
  • Effizienz leidet weniger an Chaos als an falschen Rahmenbedingungen

 

Wahrnehmung & Sensibilität

  • feine Wahrnehmung für Stimmungen, Spannungen und Unstimmigkeiten
  • frühes Erkennen von Fehlentwicklungen in Projekten oder Beziehungen
  • Sensibilität nicht als Überforderung, sondern als Präzisionsinstrument
  • lange Toleranz gegenüber unstimmigen Situationen durch hohe Funktionsfähigkeit

 

Energie & Reibung

  • Energieverlust entsteht durch Fehlpassung, nicht durch Überlastung
  • innere Reibung zeigt sich ruhig, nicht dramatisch
  • zunehmender Widerstand gegen Aufgaben, die unter dem eigenen Niveau liegen
  • wachsende Ungeduld gegenüber ineffizienten Prozessen
  • sinkende Bereitschaft, sich für falsche Formate zu motivieren

 

Entwicklung & Ü40-Dynamik

  • mit zunehmender Erfahrung sinkt die Toleranz für Kompromisse
  • Klarheit ersetzt Anpassungsbereitschaft
  • Neubeginn zeigt sich als Repositionierung, nicht als Reset
  • Wunsch nach Wirksamkeit statt bloßer Beschäftigung
  • Fokus verschiebt sich von „es funktioniert“ zu „es passt“

 

IQ, EQ, ADHS… alles auf einmal?

Neurodivergente Creative High Achiever zeigen oft eine Kombination von Eigenschaften, die im klassischen Leistungsdiskurs widersprüchlich wirken, in der Praxis aber erstaunlich konsistent sind.

Sie denken schnell, vernetzt und assoziativ. Ideen entstehen nicht linear, sondern parallel. Häufig gibt es nicht zu wenige, sondern zu viele Ansatzpunkte. Das eigentliche Problem ist selten Kreativität, sondern Selektion.

Ihre Aufmerksamkeit ist nicht gleichmäßig verteilt, sondern stark sinnabhängig und auf der Suche nach Flow und Erfüllung. Bei echter Passung können sie über längere Zeit hoch fokussiert, kreativ, produktiv und ausdauernd arbeiten. Bei fehlender Passung bricht die Energie nicht langsam, sondern abrupt ein. Disziplin ersetzt für sie keinen Sinn.

Viele von ihnen zeigen typische ADHS-nahe Muster, ohne sich darüber zu definieren: inneres Tempo, gedankliche Sprünge, hohe Reizoffenheit, starke Impulsivität im Denken, Empathie und kreative Ideen. Gleichzeitig sind sie häufig erstaunlich leistungsstabil, wenn sie autonom arbeiten können und nicht permanent reguliert oder kontrolliert werden.

Hochbegabungsnahe Merkmale zeigen sich weniger im klassischen IQ-Narrativ, sondern in schneller Mustererkennung, räumlichem Vorstellungsvermögen, sichere Wahrnehmung von Harmonie, strategischem Denken und der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge intuitiv zu erfassen. Oft wissen sie früh, wo ein Problem liegt, noch bevor es klar formuliert ist. Das kann im Arbeitsalltag dazu führen, dass sie sich unterfordert fühlen, obwohl sie objektiv viel leisten.

Leistungsfähig trotz Reibung

Als kreative Hochsensible reagieren sie fein auf Stimmungen, Spannungen und Unstimmigkeiten: nicht emotional überflutet, sondern präzise wahrnehmend. Sie spüren früh, wenn etwas nicht stimmig ist: ein Projekt, ein Kundenkontakt, ein Geschäftsmodell. Diese Wahrnehmung wird jedoch häufig lange übergangen, weil sie funktional bleiben können. Wir haben dafür keine Beweise, keine logischen Argumente, aber wir nehmen solche Zusammenhänge unbewusst ganzheitlich wahr.

Gemeinsam ist vielen: Sie haben gelernt, leistungsfähig zu sein, trotz innerer Reibung. Sie haben Wege gefunden, sich anzupassen, zu kompensieren, zu optimieren. Und genau das funktioniert lange, bis es nicht mehr sinnvoll ist.

Was von außen oft wie Unruhe, Ungeduld oder mangelnde Motivation wirkt, ist in Wahrheit häufig ein hoch entwickeltes Passungssystem. Es reagiert sensibel auf Ineffizienz, Sinnverlust und  Rollen, die nicht der eigenen Überlegenheit entsprechen.

Diese Menschen scheitern selten an mangelnder Fähigkeit. Sie geraten ins Stocken, wenn ihr Arbeitsmodell nicht zu ihrer eigentlichen Geniezone passt oder Sinn entleert wahrgenommen wird. Sie scheitern nicht, weil sie überfordert sind, sondern weil sie zu viel können: für ein zu kleines Spielfeld. Die Wissenschaft nennt dieses Problem Boreout, nicht Burnout.

Neurodivergente Creative High Achiever haben kein Aufmerksamkeitsproblem.

Sie sind häufig unterfordert an Sinn und Kreativität und überfordert durch zu viele starre, Sinn entleerte Strukturen. Andererseits kann ihre Identität an unpassende Rollen verknüpft sein, die ihrer eigentlichen Geniezone im Wege stehen. Etwa hochbegabte Lehrer, die eher für eine akademische Forschungskarriere geeignet wären.

Prominente neurodivergente Menschen

Paris Hilton mit ADHS

 

Ganz überrascht war ich über diese Meldung von Paris Hilton:

Paris Hilton: „Mein ADHS macht mich zu der, die ich bin“. Die US-Reality- und Unternehmerin beschreibt in einem Interview, wie sie über Jahre hinweg mit ihrer ADHS-Diagnose gerungen hat, und heute eine andere Haltung dazu eingenommen hat.

Sie sagt: „Mein ADHS macht mich zu der, die ich bin“, und sieht diese Eigenheit nicht als Einschränkung, sondern als Bereicherung und Teil ihrer Wirkung: eine Art Superkraft, die ihr hilft, in verschiedenen Lebensbereichen erfolgreich zu sein, von ihrer Rolle als Unternehmerin bis hin zu Ehefrau und Mutter.

Solche Aussagen von bekannten Menschen wirken aus mehreren Gründen relevant für unser Thema:

  • sie entkoppeln neurodivergente Merkmale von bloßer Pathologie und Defiziten
  • sie zeigen, dass ein nicht-linear denkendes System hohe Leistung bringen kann
  • sie erinnern daran, dass Andersartigkeit große Chancen mit sich bringt

 

Promi-Beispiel: Emma Watson

Ein weiteres Beispiel aus der Filmbranche zeigt, wie auch bei bekannten Kreativen der Kontext der Arbeit entscheidend ist: Schauspielerin und Aktivistin Emma Watson beschrieb in einem Interview, wie sie sich bewusst aus dem klassischen Filmbusiness zurückgezogen hat, weil die kreative Arbeit ihr zwar Energie gab, der Vermarktungs- und Promotionsmodus dagegen zunehmend „soul-destroying“ wirkte.

Diese bewusste Distanzierung entspricht der Erfahrung vieler High Achiever: der falscher Kontext kostet Energie.

The Futur über „The ADHD Creative“

Ein aktuelles Beispiel aus der Creator- und Business-Community ist The Futur, eine Plattform für Kreative und Unternehmer, die sich mit dem Thema ADHD und kreativer Arbeitsweise auseinandersetzt. Ich kenne den Youtube Kanal von Chris und erst vor wenigen Monaten erregte sein Video meine volle Aufmerksamkeit, wo er offen über Verzettelung und sein ADHS sprach. Ein Stein fiel von meinem Herzen. Ich war also nicht allein mit meiner Scanner Verzettelung in meinem eigenen Business.

In dem Beitrag auf seiner Webseite spricht die Coachin Abi Lemon explizit darüber, wie Menschen mit ADHS-Strukturen oft eine außergewöhnliche Ideen- und Qualitätsdichte entwickeln, aber gleichzeitig immer wieder an Strukturen und Kontexten scheitern, die lineare oder stark standardisierte Arbeitsweisen verlangen. Sie arbeitet mit Kreativen daran, die eigenen Stärken als Werkzeuge zu begreifen, statt Symptome zu verwalten – und so nicht nur Energie, sondern auch Wirksamkeit und Selbstwert zu steigern.

Was The Futur hier zeigt, ist wichtig für unser Thema: Es geht nicht darum, neurodivergente Menschen an bestehende Systeme anzupassen, sondern darum, die Arbeitswelt so zu verstehen und zu gestalten, dass neurodivergente Denkweisen produktiv und wirksam werden.

Damit bestätigt sich ein Muster, das viele Creative High Achiever kennen:

  • kreative Intensität und Ideenreichtum
  • schnelle Verknüpfungen und multidimensionale Perspektiven
  • aber Schwierigkeiten mit starrem Task-Routing oder linearem Workflow
  • und am Ende: eine Ressource, die viel stärker wirkt, wenn sie im richtigen Kontext eingesetzt wird

In vielen Gesprächen auf The Futur wurde deutlich: Kreative mit neurodivergenten Anteilen müssen nicht „funktionieren“,
sie müssen richtig eingesetzt werden, damit ihre Energie nicht verloren geht, ein Gedanke, der auch diesem Artikel zugrunde liegt.

 

Vielfalts Kompass Coaching

Orientierungs-Coaching für Scannerpersönlichkeiten im Beruf (hier mehr erfahren).

Energieverlust ist nicht gleich Burnout

Wenn kreative Selbständige und Unternehmer über Energieverlust sprechen, wird sehr schnell das Wort Burnout verwendet. Das ist verständlich, aber in vielen Fällen unpräzise. Vor allem bei neurodivergenten Creative High Achievern beschreibt Burnout nicht das eigentliche Phänomen.

Burnout bedeutet Überlastung, emotionale Erschöpfung und den Verlust der Fähigkeit, weiter zu funktionieren. Das, was ich bei mir selbst und bei vielen leistungsfähigen Kreativen beobachte, sieht anders aus. Die Leistungsfähigkeit ist da. Die Kompetenz ist da. Die Ideen sind da. Auch der Wille, etwas zu gestalten, ist nicht verschwunden.

Was fehlt, ist nicht Energie, sondern stimmiger Einsatz dieser Energie.

Der Energieverlust zeigt sich selektiv. Bestimmte Aufgaben kosten unverhältnismäßig viel Kraft, obwohl sie objektiv beherrscht werden. Bekannte Formate fühlen sich zäh an. Dinge, die früher „gingen“, erzeugen Widerstand. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern konstant. Wie Reibung.

Reibung entsteht, wenn hohe Leistungsfähigkeit dauerhaft in einem Kontext eingesetzt wird, der zu klein, zu eng oder nicht mehr passend ist. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hinweis auf Fehlallokation. Die Person funktioniert weiter, aber zu einem Preis.

Gerade Creative High Achiever sind darin besonders gut, diese Reibung lange zu kompensieren. Sie optimieren Abläufe, passen sich an, erklären sich, übernehmen zusätzliche Rollen. Sie arbeiten effizienter, strukturierter, disziplinierter. All das kann kurzfristig helfen. Langfristig verstärkt es jedoch das eigentliche Problem: Die Arbeit findet nicht mehr auf der Ebene statt, auf der die größte Überlegenheit liegt.

An diesem Punkt wird häufig nach einer neuen Nische gesucht. Oder nach einer besseren Marketingstrategie. Oder nach einem neuen Angebot. Das greift zu kurz.

Denn Reibung ist kein Marktproblem. Sie ist ein Identitätsproblem auf Arbeitsebene.

Es geht dabei um konkret: Die eigene Rolle, das eigene Spielfeld und die eigene Verantwortung sind nicht mehr kongruent mit der tatsächlichen Kompetenz und Reife. Viele kreative Selbständige verdienen Geld mit Tätigkeiten, die sie zwar beherrschen, die aber nicht mehr ihrer wahren Identität und Geniezone entsprechen. Sie sind zu erfahren, zu schnell, zu klar für die Probleme, die sie lösen. Das erzeugt kein Scheitern, sondern Sinnverlust und Energieabzug.

Energie folgt Passung. Passung ist keine Frage der Nische, sondern der Identität.

Solange versucht wird, das Problem über äußere Anpassung zu lösen, wie einer neuen Zielgruppe, neue Methoden, einer neuen Positionierung, bleibt die Reibung bestehen. Erst wenn die eigene Rolle passend zur wahren Identität wird, verändert sich das Erleben von Arbeit grundlegend.

Das erklärt, warum viele Creative High Achiever nicht erschöpft sind, sondern zunehmend ungeduldig. Nicht müde, sondern innerlich distanziert. Nicht überfordert, sondern unterfordert auf der falschen Ebene. Forscher sprechen auch vom Boreout.

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet daher nicht: Wie bekomme ich meine Energie zurück? Sondern: Wo arbeite ich unter meiner eigentlichen Identität und Überlegenheit?

Erst an diesem Punkt wird sichtbar, dass es nicht um weniger Arbeit geht, sondern um richtige Arbeit.

Und genau hier öffnet sich der nächste Schritt: die Frage nach der eigenen Geniezone. Ein Wort bei dem die meisten Leser am liebsten hier aussteigen wollen. Doch bleibe bitte hier!

 

10 Reife-Fragen

 

Wenn Widerstand kein Vermeidungsverhalten ist, sondern Wachstum

  1. Welche Tätigkeiten fühlen sich nicht schwer an, sondern zu klein?
    (Das ist kein Energiemangel. Das ist Überreife.)
  2. Wo weiß ich längst, wie etwas geht, aber soll es trotzdem immer wieder tun?
    (Routine ohne Entwicklung erzeugt Widerstand.)
  3. Welche Probleme löse ich, obwohl sie mich geistig nicht mehr fordern?
    (Kompetenz ohne Herausforderung wird zur Reibung.)
  4. Wo bin ich innerlich weiter als die Rolle, die ich offiziell einnehme?
    (Identität und Funktion sind auseinandergewachsen.)
  5. Welche Aufgaben verlangen Anpassung, obwohl ich eigentlich Gestaltung leisten könnte?
    (Widerstand gegen Unterordnung ist hier gesund.)
  6. Wo halte ich mich bewusst oder unbewusst auf einer Ebene, die mir Sicherheit gibt, aber keine Lebendigkeit mehr?
    (Nicht Angst, sondern Loyalität zum Alten.)
  7. Welche Teile meiner Denk- und Gestaltungskraft bleiben ungenutzt, weil sie im aktuellen Kontext keinen Platz haben?
    (Nicht Blockade, sondern Platzmangel.)
  8. Wo spüre ich Widerstand nicht als Stress, sondern als klare innere Grenze?
    (Das Nervensystem schützt Entwicklung.)
  9. Welche Tätigkeit würde ich sofort wieder mit Energie tun, wenn sie auf einer höheren Ebene angesiedelt wäre?
    (Hinweis auf Repositionierung, nicht auf Aufgabe.)
  10. Wenn mein Widerstand Ausdruck von Reife ist:
    Welche Version von mir will hier ernst genommen werden?
    (Das ist die eigentliche Frage.)
die eigene Geniezone erkennen für Neurodivergente

Deine unerkannte Geniezone

Die meisten kreativen High Achiever haben eine starke Geniezone. Das Problem ist nicht, dass sie sie nicht hätten, sondern dass sie selten dort arbeiten. Schlimmer noch: wir kennen sie nicht, sie bleibt uns oft verborgen, weil wir unsere Talente und Leidenschaften für „normal“ halten.

Kreative denken oft, ihre Stärke liege in der Vielfalt: viele Ideen, viele Interessen, viele Möglichkeiten. Das stimmt, aber nur zur Hälfte. Die eigentliche Stärke liegt nicht in der Breite, sondern in einer sehr spezifischen Kombination aus Wahrnehmung, Denkgeschwindigkeit, gestalterischer Intelligenz und Umsetzungsfähigkeit.

Ein zentraler Grund ist die Verlockung der Anpassung. Kreative Solopreneure sind oft hervorragend darin, sich auf Märkte, Kunden und Trends einzustellen. Sie sehen schnell, was gebraucht wird. Sie können liefern. Sie können sich in Themen einarbeiten, Formate bedienen, Erwartungen erfüllen. Denn sie sind hervorragende, empathische Autodidakten. Genau diese Fähigkeit führt jedoch dazu, dass sie Geld mit Tätigkeiten verdienen, die nicht ihrer eigentlichen kreativen Überlegenheit entsprechen.

Ein weiterer Umweg ist die Überidentifikation mit Vielseitigkeit. Viele Kreative definieren sich über ihre Bandbreite: schreiben, sprechen, gestalten, denken, verbinden. Das macht sie leistungsfähig, aber auch angreifbar. Denn ohne klare Selektion wird Vielseitigkeit zur Zerstreuung. Projekte stapeln sich, Angebote wachsen organisch, aber ungeordnet. Die eigene Rolle verschwimmt. Was von außen nach Freiheit aussieht, erzeugt innerlich Reibung.

Hinzu kommt die Gefahr der funktionalen Unterforderung. Kreative High Achiever sind oft zu gut darin, Dinge am Laufen zu halten. Sie optimieren Prozesse, betreuen Kunden, liefern zuverlässig ab. Das Business funktioniert, aber auf einem Niveau, das ihre eigentliche Denkleistung nicht fordert. Das Ergebnis ist kein Scheitern, sondern Sinnverlust.

Viele verwechseln diesen Zustand mit mangelnder Motivation oder Disziplin. In Wahrheit ist es ein Hinweis darauf, dass die eigene Identität sich weiterentwickelt hat, während das Geschäftsmodell stehen geblieben ist.

Als Solopreneur verstärkt sich dieser Effekt. Ohne Korrektiv, ohne Spiegel, ohne strategische Außenperspektive wird das eigene Spielfeld selten infrage gestellt. Man arbeitet im System, nicht am System. Entscheidungen werden pragmatisch getroffen, nicht identitätsbasiert. Was funktioniert, wird fortgeführt, auch wenn es innerlich nicht mehr trägt.

Dabei liegt gerade hier eine große Chance. Kreative haben die Fähigkeit, ihr Spielfeld aktiv zu gestalten. Sie können Rollen neu definieren, Formate neu denken, Wirkung neu rahmen. Ihre Stärke liegt nicht darin, bestehende Probleme effizienter zu lösen, sondern relevantere Probleme zu wählen.

Die Geniezone eines Kreativen zeigt sich oft dort, wo andere ins Stocken geraten: bei Komplexität, bei Übergängen, bei Neuordnung, bei der Übersetzung von Vision in Form. Das sind keine einfachen, skalierbaren Aufgaben: aber hochwirksame. Wer als Kreativer dauerhaft an seiner Geniezone vorbeiarbeitet, zahlt einen Preis: Energieverlust, innere Distanz, Verzettelung, das Gefühl, ständig „zu viel“ zu tun und trotzdem nicht am Kern zu sein.

Wer sie hingegen bewusst einnimmt, gewinnt nicht nur Klarheit, sondern auch ökonomische Stabilität. Denn Arbeit in der Geniezone ist nicht nur leichter, sie ist wertvoller.

Der entscheidende Schritt ist daher nicht, ein weiteres Angebot zu entwickeln oder eine neue Nische zu suchen. Es ist die Entscheidung, die eigene Rolle neu zu definieren. Bin ich bereit, in meine Geniezone hineinzugehen, auch wenn das heißt, alte, funktionale Identitäten hinter mir zu lassen?

Erst an diesem Punkt wird sichtbar, dass kreative Freiheit und wirtschaftliche Klarheit kein Widerspruch sind. Sie entstehen dort, wo Kreative aufhören, sich über ihre Anpassungsfähigkeit zu definieren und beginnen, ihre Überlegenheit strategisch einzusetzen.

 

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Zusammenfassung

Abschluss: Wenn das Spielfeld zu klein geworden ist

 

Nicht jede innere Reibung ist ein Zeichen von Erschöpfung. Nicht jeder Widerstand will überwunden werden.
Und nicht jede Phase verlangt nach Optimierung oder Heilung.

Gerade bei leistungsfähigen, kreativen Menschen ist Widerstand oft ein Hinweis auf Reife.
Auf einen Punkt, an dem Denken, Wahrnehmung und Identität weiter sind als das aktuelle Spielfeld.

Viele neurodivergente Creative High Achiever funktionieren lange über Anpassung.
Sie kompensieren Fehlpassung mit Kompetenz, Erfahrung und Disziplin.
Das ist möglich, aber nicht dauerhaft sinnvoll.

Was sich dann zeigt, ist kein Burnout.
Es ist auch keine Prokrastination.
Es ist die sinkende Bereitschaft, unter dem eigenen Niveau zu arbeiten.

Der entscheidende Perspektivwechsel besteht nicht darin, sich neu zu motivieren.
Sondern darin, die wahre Identität in Verbindung mit der eigenen Geniezone ernst zu nehmen.

Nicht alles, was man kann, ist auch das, was man weiterhin tun sollte.
Nicht jede Tätigkeit, die funktioniert, entspricht der perfekten Business-Identität oder der Rolle, die du darin einnimmst.
Und nicht jedes erfolgreiche Modell ist reif genug für die nächste Entwicklungsstufe.

Wer das erkennt, steht nicht vor einem Neustart bei Null.
Sondern vor einer Repositionierung auf höherem Niveau.

Neurodivergenz ist kein Makel, sie kann ein starkes Signal für kreative Hochbegabung sein.

herzlich

Sylvia Harke

 

Sylvia Harke

Sylvia Harke

Hallo, Du liest hier meinen Blog zum Thema Hochsensibilität. Ich arbeite seit 2015 freiberuflich als Sensitive Soul Coach, Psychologin, Buchautorin und Videokünstlerin. Mit einer selbständigen Tätigkeit verwirkliche ich meinen Traum von einem selbstbestimmten, kreativen Leben. Gleichzeitig kenne ich die Verlockungen und Herausforderungen einer kreativen Scannerpersönlichkeit  nur zu gut. Ich schreibe über Hochsensibilität, Scannerpersnölichkeiten, Sensitivität, Erfolg, Beziehungen, Talententwicklung, Kreativität, Selbstliebe und Psychologie. Mit über 550 Youtube Videos bin ich auch als Content Crator tätig und baue mir ein internationales Publikum auf. Meine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und sind bei namhaften Verlagen erschienen.

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